Ein Tag im Jahr – 27.9.2026 (Mein Beitrag zur Blogparade von Andrea Hahnfeld)
Meine Kollegin und Autorin Andrea Hahnfeld hat sich von Christa Wolf inspirieren lassen und das Schreibprojekt „Ein Tag im Jahr“ wieder aufgegriffen. In ihrem Blogartikel erzählt sie die Geschichte des Schreibaufrufs, den Maxim Gorki 1935 an seine Schriftstellerkolleg*innen richtete. Andrea lud im Rahmen einer Blogparade dazu ein, diese Idee am 27.9.2026 wieder aufzugreifen und mitzumachen.
Was es mit „Ein Tag im Jahr“ auf sich hat, erklärt Andrea sehr ausführlich in ihrem Blog. Hier ist der Link: https://blog.thestorytobe.com/ein-tag-im-jahr/
Ich fand die Idee so charmant, dass ich mich entschlossen habe mitzuschreiben.
Dann war der Tag aufgeschrieben. Und nun?
Seit Februar wartet die Blog-Seite auf meiner Homepage darauf gefüllt zu werden. Das ist doch die Gelegenheit, endlich zu starten!
Voila: Mein erster Blog-Artikel.
Ein Tag im Jahr – 27.9.2026 (Mein Beitrag zur Blogparade von Andrea Hahnfeld)
7:30 Uhr: Ich wache auf, heute ist Sonntag. Mein Handywecker hat geklingelt. Warum nur? Ich öffne das Fenster ganz weit und lasse den Morgen ins Zimmer, dabei kuschle ich mich noch mal unter die Bettdecke. Nur noch zehn Minuten.
C. ist wach. Ich höre sie unten in die Küche tapsen und mit den Katzenfutterschälchen klappern. Sie hat einen eisernen Willen. Mit fast 90 Jahren steht sie jeden Morgen auf, füttert die Katzen und macht ihr Stretching auf der Veranda.
Bevor ich mich dem Tag zuwende, stopfe ich die Wäsche in die Maschine, gieße grünen Tee auf, weiche die Haferflocken im heißen Wasser ein. Der Wasserkocher ist total verkalkt. Ich gebe einen Löffel Zitronensäure hinein, das Restwasser sprudelt kurz auf, Kalkflöckchen lösen sich von den Wänden. Heute schenke ich den Alltagsverrichtungen meine Aufmerksamkeit. Lange ist es her, dass ich das regelmäßig getan habe: in Dragonia vor über vierzig Jahren. Presence Work war Teil unseres experimentellen Theatertrainings in dem abgeschiedenen Tal in Istrien. Schade, dass ich damals nichts aufgezeichnet habe. Ich kannte das Verfahren von George Perec noch nicht.
8:05 Uhr: Ich sitze mit der ersten Tasse Tee am Schreibtisch und notiere die erste halbe Stunde dieses Tages. Wie viele Menschen werden heute über ihren Tag schreiben? Noch ist er jung, dieser Tag. Eine blasse Septembersonne schickt ihre Strahlen auf den Balkon.
Die Tasse ist leer. Rauf aufs Minitrampolin. Ich wippe, springe, strecke mich, dehne die Beine, lasse die Arme wie Windmühlenflügel kreisen, ziehe die Knie hoch, jogge auf der Stelle, schüttle den ganzen Körper durch, lockere mich. Nach 15 Minuten bin ich wach und munter.
8:35 Uhr: Ich frühstücke und höre Radio. Ein 300 Meter hohes Windrad soll in der Lausitz aufgestellt werden, der Berliner Fernsehturm ist nur noch etwa 60 Meter höher. Die SPD in Berlin will mit der Linken verhandeln. Der „Tankrabatt für alle“ ist nur eine halbgute Idee, sagt die Sprecherin. „Gießkanne“, sagt ihr Interviewpartner. Seinen Namen merke ich mir nicht. Dann folgt ein Realitätscheck zum Thema Enteignung, dazu eine Pro-und-Contra-Diskussion. Plötzlich sehe ich das Gesicht von Markus Epha vor mir und erinnere mich an eine Lesung. Wie mein Gehirn hin- und herhüpft. Erstaunlich. Markus hat mit der Diskussion im Radio überhaupt nichts zu tun. Zurück zum Radio: Die Linke will Immobilienkonzerne enteignen beziehungsweise vergesellschaften, und damit umsetzen, wofür vor fünf Jahren die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner gestimmt hat.
9:00 Uhr: Der Berlin-Marathon beginnt pünktlich. Am Stadtrand bekomme ich nichts davon mit. Als ich noch in Berlin lebte, lag meine Wohnung ganz nah an der Laufstrecke. Ich werde wehmütig, wenn ich an meine letzte Wohnung in der Stadt denke.
Weiter im Radio: Auch die Grünen verhandeln mit der Linken. Sie fordern, dass die Linke nicht den Innen- und Justizsenator stellen. Ich finde, ihr Antisemitismus- und Remmo-Clan-Problem sollen sie lösen. Doch Elif Eralp als Berliner Bürgermeisterin fände ich spannend.
Ich hänge die Wäsche auf dem Balkon auf. – Die Sonne strahlt jetzt mit ihrer verbliebenen Kraft auf meine Unterwäsche und Handtücher.
Das Erdbeerbeet drängt sich in meine Gedanken. Es müsste gejätet werden. Der Mulch hält das Unkraut nicht auf. Lust dazu habe ich keine. Ich mag nicht mal nach hinten in den Garten gehen. Ich will es nicht sehen. Gartenarbeit macht mir nur manchmal Spaß. Heute nicht. Heute will ich schreiben. In meinen Kursen motiviere ich die Teilnehmerinnen zum Schreiben. Wo bleibt mein eigenes Schreiben? Was machen meine Projekte? Lauter lose Enden liegen in der berühmten Schublade. Ein angefangenes Memoir, ein weiterer halbfertiger autofiktionaler Text, eine nicht abgeschlossene Überarbeitung, eine Romanskizze … Was mache ich mit diesen Texten? Soll ich mich von ihnen endgültig trennen? Oder mir doch endlich einen davon vornehmen? Warum ist es nur so mühsam für mich, längere Schreibprojekte durchzuhalten?
Journaling ist das Einzige, was ich seit vielen Jahren regelmäßig pflege. Texte mit Fristen kann ich gut vollenden. Das wäre schon ein Grund, an Ausschreibungen teilzunehmen.
10:00 Uhr: Mein Mann ruft an. Wir telefonieren 45 Minuten. Wenn wir an unterschiedlichen Orten verweilen, ist der Videocall unsere tägliche Verbindung. Wir planen ein Wochenende in den Bergen. Wir wollen unseren Hochzeitstag mit einem verlängerten Wochenende nachfeiern. Der Gedanke daran, löst einen Freudenstrom in mir aus. Ich lächle in den Tag.
10:45 Uhr: R. schickt mir Urlaubsfotos von Bali. Wir chatten ein wenig.
11:00 Uhr: Hochmotiviert erstelle ich eine Übersicht über mögliche Stallplätze für meinen Wallach Svali. Was braucht ein 27-jähriges Pferd, das Cushing, EOTRH und jetzt auch noch Hufrehe hat? Wie sensibel reagiert er auf einen Stallwechsel? Wo er jetzt ist, kann er nicht mehr bleiben. Mit diesen Schwierigkeiten habe ich Anfang des Jahres nicht gerechnet. Die Hufrehe hat mich kalt erwischt. Ich sitze an der Tabelle. Sie wird immer länger. Trotz intensiver Suche habe ich noch nicht den Platz gefunden, der meinem Herzen zusagt …
12:30 Uhr: C. und ich gehen indisch essen. Wir kehren im Bapu an der Kleinmachnower Schleuse ein. Heute sitzen wir draußen. Wir essen beide Gandhi Dal mit Reis. Das Dal aus Linsen und Mungbohnen schmeckt vorzüglich, eine wohlige Wärme breitet sich in meinem Bauch aus. Nahrhaft, denke ich zufrieden. Wie glücklich mich gutes Essen machen kann. Darüber staune ich immer wieder.
14:30 Uhr: Ich fahre vom Bapu aus weiter zu Svali.
15:00 Uhr: Svali begrüßt mich wiehernd. Er wartet immer darauf, dass jemand kommt, dass etwas passiert. Er steht noch alleine im Ruhepaddock. Die Abschlussuntersuchung ist erst Mitte Oktober, dann sind drei Monate seit dem Reheschub vergangen. Ich bin immer noch fassungslos, dass das passiert ist. Warum musste nur Luzernensilage gefüttert werden? Und dann auch noch vier Tage lang! So lange, bis das Pferd keinen Schritt mehr tun konnte. Mir schnürt es jedes Mal die Kehle zu, wenn ich daran denke.
Ich liebkose seine weichen Nüstern, kraule ihn hinter dem Ohr. Er freut sich über jede Gesellschaft. Ich äpple den Paddock, erneuere die Einstreu, fülle die Heuraufe und die Tränke auf, dann hole ich ihn raus. Am Anbinder kontrolliere ich die Hufe, reinige sie, ziehe ihm Hufschuhe an und bürste mit kräftigen Strichen sein Fell. Er hat zurzeit kein Pferd für die gegenseitige Fellpflege bei sich. Das bin ich ihm nun schuldig.
16:30 Uhr: Wir spazieren auf möglichst weichem Boden zum Sonnenhof. Auf dem Weg betrachtet Svali die Kühe, senkt ab und zu den Kopf zum Gras und hofft, dass er es fressen darf. Nein. Gras ist tabu. Er versteht es nicht und gibt dennoch nach. Er resigniert, denke ich. Ich beschäftige ihn mit den verschiedenen Arten des Gehens: Slow Motion, normales Tempo, flotteres Tempo, kleine Schritte, große. Dieses Spiel muntert uns beide auf. Bewegung hilft nicht nur der Pferdepsyche. Auf dem Rückweg kommt uns sein ehemaliger Herdenkumpel Leikari entgegen. Sie begrüßen sich, schnuppern und schnauben. Was sie sich wohl erzählen?
17:00 Uhr: Zurück am Anbinder erhält Svali seinen vorbereiteten Eimer mit Alpengrünmüsli und Mineralfutter. Ihm schmeckt es. Ich ziehe ihm die Hufschuhe wieder aus und bringe ihn zurück in den Paddock. Svali bekommt noch seine Tablette, dann verabschiede ich mich. Er dreht sich zur Heuraufe um, und beginnt zu fressen. Was geht in ihm vor? Ist er traurig? Er sieht gesund aus, das Fell glänzt, die Augen sind klar, doch die Pferdefreunde fehlen ihm. Wie sehr leidet er unter der verordneten Einsamkeit? Seine alten Herdenmitglieder Poldi und Blesi stehen oft Zaun an Zaun mit ihm.
18:00 Uhr: Ich dusche den ganzen Heustaub ab. Dann esse ich einen Joghurt und etwas Obst. Ich bin eigentlich noch recht satt vom Mittagessen.
18:30 Uhr: Ich bereite die Power-Point-Präsentation für den Onlinekurs am Montag vor, beantworte E-Mails, und schreibe meinen Nachmittag auf. Dabei fällt mir auf, dass ich gar nicht so viel Zeit mit dem Schreiben verbracht habe, wie ich wollte.
20:00 Uhr: Ich schaue mir die Tagesschau an. Vieles wiederholt sich, einiges habe ich heute Morgen schon gehört. Bilder vom UN-Treffen in New York. Die Außenminister Lawrow und Wadephul sprechen unter Putins Foto miteinander. Das Bild löst gemischte Gefühle in mir aus. Die Welt wird nicht freundlicher.
20:15 Uhr: Ich hole die Wäsche vom Wäscheständer und falte sie zusammen. Die Tätigkeit beruhigt mich, sie ist einfach und bringt ein sofortiges Ergebnis. Die Wäsche riecht frisch. Ich tauche meine Nase hinein, bevor ich sie in den Schrank lege. Dann gehe ich in die Küche und koche mir einen Basenkräutertee für den Abend.
21:00 Uhr: Ich sitze am Schreibtisch. Jetzt entfalte ich noch mal kreative Energie und schreibe endlich im Flow an meinem Text weiter. Der Tag klingt aus.
Ins Bett gehe ich gegen Mitternacht.
Das war der 27. September 2026.
